Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

"Im Gefolge der SS" - Aufseherinnen des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück

Ehemaliges Wohnhaus der Aufseherinnen
Ehemaliges Wohnhaus der Aufseherinnen

Die Ausstellung, die seit dem 8. August 2020 in einem der ehemaligen Aufseherinnen-Wohnhäuser zu sehen ist, thematisiert die Herkunft des weiblichen Wachpersonals, die Gewaltverhältnisse im Lager, die Karrieremöglichkeiten der Aufseherinnen, Ravensbrück als zentrale Ausbildungs- und Rekrutierungsstätte für Aufseherinnen. Weiterhin geht es um die Strafprozesse, die nach 1945 gegen wenige von ihnen geführt wurden.  Außerdem werden die Suche der Opfer nach Gerechtigkeit und das vielsagende Schweigen der Täterinnen thematisiert. Nicht zuletzt wird auch die Faszinationskraft der Figur der „SS-Aufseherin“ in der Populärkultur zur Diskussion gestellt.

Unter dem Titel „Bilder, Stimmen und Klischees“ haben die Künstler*innen Marianna Christofides, Arnold Dreyblatt, Moritz Fehr, Dominique Hurth und Susanne Kriemann in Kooperation mit dem Ausstellungsprojekt Interventionen entwickelt. Sie begegnen dem Thema der SS-Aufseherinnen mit gegenwartsrelevanten Perspektiven. Die Spuren der Gewalt in den baulichen Relikten und Landschaften, das Nebeneinander von Wohnort und Tatort, die im Lager gesungenen Lieder, die brutal-gemütliche Inneneinrichtung der Dienstwohnungen oder die Erziehungsmethoden in der nationalsozialistischen Gesellschaft sind Themenfelder der künstlerischen Strategien.

Die Ausstellung wurde gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und der Kulturstiftung des Bundes.

 

THE MAKING OF

#1 Im Gespräch mit Insa Eschebach, wissenschaftliche Projektleitung

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Plakat (Gestaltung Katja Gretzinger). Poster (Design Katja Gretzinger). Uniform einer Aufseherin aus der Sammlung SBG unter Schutz-Gaze vor dem Aufseherinnenhaus.

#2 “Bilder, Stimmen und Klischees: SS-Aufseherinnen des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück”

Künstlerische Interventionen in der neuen Ausstellung „Im Gefolge der SS“, Gedenkstätte Ravensbrück. Mit: Marianna Christofides, Arnold Dreyblatt, Moritz Fehr, Dominique Hurth, Susanne Kriemann.

Die Gedenkstätte Ravensbrück hat fünf KünstlerInnen eingeladen, sich auf Basis recherchebasierter Ansätze mit dem Milieu und den Repräsentationen der Ravensbrücker SS-Aufseherinnen zu befassen und auf gegenwartsrelevante Fragen hin zu untersuchen. Mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes beschäftigen sich seit Juli 2019 Arnold Dreyblatt, Susanne Kriemann, Marianna Christofides, Moritz Fehr und Dominique Hurth mit dem weiblichen SS-Personal des Frauen-KZ Ravensbrück.  
 
In ihren Interventionen hinterfragen die KünstlerInnen routinierte Sichtweisen, schärfen den Blick für Details und Atmosphären, und regen im Rahmen der historischen Ausstellung zu Austausch und Gespräch an. Die Fotografien der Aufseherinnen, die Dualität von Wohn- und Tatort, die vermeintliche Gemütlichkeit der Inneneinrichtungen der Aufseherinnenhäuser, sind ebenso Schwerpunkt der künstlerischen Interventionen, wie die Funktion von Musik im Kontext der Zwangsarbeit, die Spuren der Gewalt in den Landschaften und baulichen Strukturen und die Erziehungsmethoden in der NS-Volksgemeinschaft. Die daraus entstandenen Sound- und Videoarbeiten, Text- und Bildinstallationen werden ab Mitte September 2020 bis Ende 2021 in der Ausstellung wie auch im Umfeld des historischen Aufseherinnenhauses zu sehen sein. 

#3 Einblicke in die Arbeit von Susanne Kriemann

„…. wie ein Mantel, der sich nicht absteifen lässt“
(Aus: Susanne Ayoub, Das Mädchen von Ravensbrück)

Die an die Gedenkstelle Ravensbrück anliegenden Unterführerhäuser und deren Terrain suggerieren beim Durchstreifen eine bleierne Gelassenheit. Verschiedene historische Zeitabschnitte bestimmen diese Häuser, die sich an der Schwelle zum Verfall befinden. Gleichzeitig ist dieses Gelände von einer sich im Kommen und Gehen befindenden, seltenen Biodiversität besiedelt, welche über Bezüge, Geschichte und Trauma hinweg wächst. Und während sich Geschichtsbezogenes in verwilderte Natur verwandelt, schleicht sich ein Verdacht ein, dass diese Häuser, früher oder später, zu „Projekten“ werden, von Suchenden der neuen Entwicklungen.

Für die Ausstellung im Aufseherinnenhaus rückt die Fotografin Susanne Kriemann genau diese Überlagerung von geologischen und historischen Zeitschichten in den Vordergrund. Deutlich wird: Es gibt kein Ende des Dokumentierens, da sich Gesellschaft wie Orte und Geschichten im Wandel der Gezeiten befinden. Umgekehrt kann jedoch diese fortwährende Transformation selbst 'bildgebend' werden. In Anlehnung an einen erweiterten Begriff des Dokuments wird das Material selbst Teil der Aufnahme. Susanne Kriemann realisierte Fotografien der baulichen Struktur und des Verfalls und übersetzte diese wiederum in eine Serie von Siebdrucken. Darin eingebettet sind Pigmente, die aus beschädigten Fliesen, Ziegeln und Steinen der ehemaligen Unterführerhäuser und Aufseherinnenhäuser herrühren und eigens für dieses Projekt gemahlen wurden. Zudem werden in einer mehrtägigen Feldstudie die seltenen „roten Waldameisen“, „Strunkameisen“ und „Kerbameisen“ benannt und der Biosphäre ein wesentlicher Teil der weiteren Gestaltung von Geschichte überantwortet. 

Kriemanns Arbeit wurde international in Ausstellungshäusern wie dem Witte de With, Rotterdam; dem Prefix ICA, Toronto; dem 21er Haus, Wien, dem Arnolfini, Bristol; der Berlinischen Galerie; dem Stedelijk Museum, Amsterdam, sowie im Rahmen verschiedener Biennalen und Festivals wie der 11. Shanghai Biennale, der 10. Göteburg Biennale und der Colomboscope, Colombo, präsentiert.  

#4 Wohnort und Tatort: Das Aufseherinnenhaus

Zum zweiten Mal hat die Gedenkstätte Ravensbrück einen besonderen Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt: eines von insgesamt acht „Aufseherinnenhäuser“ des Gelände, dem ehemaligen Wohnort des weiblichen Personals.

Eine „eigene Stube“ war für eine junge Frau zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit, und mag bei der Entscheidung, als Aufseherin eines Konzentrationslagers zu arbeiten, eine Rolle gespielt haben. Die Wohnungen wurden ausgestattet zur Verfügung gestellt und suggerierten Ordnung, Häuslichkeit und maximales Alltagsempfinden. Ein gewisses Schwärmen über das Mobiliar ist noch in einigen Interviews mit ehemaligen Aufseherinnen herauszuhören. Auch wenn sich die Stimmen einiger singender Häftlinge manchmal noch durch die schweren Vorhänge stahlen.

Die heute leer stehenden Gebäude erlauben Einblicke in eine Architektur, die sich nicht mehr auf die schützende Trennung zwischen Tatort und Wohnort berufen kann. Ausgelassene Vorhänge erlauben den Besuchern Fensterblicke, in denen mal das Lager, der See oder ein angrenzendes Waldstück gerahmt sind. Ist Perspektive eine Entscheidung? Kann eine Kopfbewegung genügen, um das Lagergeschehen hinter sich zu lassen?

Ganz konkret zum „Tatort“ wurden die unscheinbaren Gebäude wohl bereits, bevor sie erstmals bezogen wurden – historische Aufnahmen zeigen weibliche Häftlinge in Schwerstarbeit bei der Aushebung der Fundamente.

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#5 Das Gestaltungskonzept: Akzente setzten - Farbe bekennen

In einem der acht ehemaligen Aufseherinnen-Wohnhäuser auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück ist seit dem 8. August 2020 die neue Dauerausstellung „Im Gefolge der SS“ zu sehen sein. Wie sind die Gestalterinnen von büroberlin mit dem historischen Gebäude umgegangen, das das größte Exponat und zugleich der Ausstellungsraum ist? Womit überzeugte ihr Wettbewerbsentwurf die Jury?

Wer innerhalb der historischen Räumlichkeiten nach aufwändigen Rekonstruktionen vergangener Interieurs sucht, darf sich überrascht zeigen. Die Gestalterinnen Ruth Schroers, Julia Neubauer, Vesselina Wilhelm und Christine Czaika von büroberlin konzentrierten sich auf eine minimal-invasive Gestaltung, in der keine ‘falschen’ Wände oder künstliche Raumstrukturen den Blick verstellen. So bleibt der Blick auf die Grundarchitektur als zentraler Referenzpunkt für die Ausstellung erhalten. Flur, Wohn- und Schlafbereich werden in eben dieser Abfolge immer wieder durchlaufen. 

Tatsächlich ‘gestaltet’ werden die Räume durch den Einsatz eines “Grünen Bandes”, das sich an den Wänden der Appartments entlang schlängelt. Ein Großteil der Ausstellungsexponate wird auf bzw. an diesem Band gezeigt. Es zeichnet in diesem Sinne die Grundarchitektur ein weiteres Mal nach, bietet Orientierung, erlaubt Brüche und verbindet vor allem die vielen Geschichtsfäden der einzelnen Ausstellungskapitel miteinander. Der Blick auf die Farbskala des Grüns weckt eine Vielzahl von Assoziationen, verwehrt sich aber bewusst einer eindeutigen Zuordnung. Es gilt Akzente zu setzen, Farbe zu bekennen.

Ein besonderes Augenmerk gilt auch der biografischen Darstellung der Aufseherinnen. Letztere werden durch freistehende Stelen im Raum präsentiert, die die Farbe des Bandes zwar mit aufnehmen, räumlich jedoch aus diesem heraustreten – ähnlich wie die „Person“ aus ihrer „Rolle“ - oder umgekehrt. Im Falle der Oberaufseherinnenbiografien entstehen dabei regelrecht Kippbilder: anstelle des grünen Untergrunds, wird hier ein kräftiger Gelbton eingesetzt, der auf dem “Grünen Band” sonst nur typografisch verwendet wird. Alles anders oder nur eine Nuance? Der Entwurf von büroberlin wird die Geschichte nicht ‘erklären', aber genau dorthin leiten, wo diese Fragen entstehen. 

#6 Im Gespräch mit Simone Erpel, Kuratorin der Ausstellung

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#7 Einblicke in die Arbeit von Arnold Dreyblatt

Der Künstler Arnold Dreyblatt hat für die Ausstellung im Aufseherinnenhaus eine zweiteilige Film-Installation entwickelt: zwei Sprecherinnen weisen über Monitor den Betrachter an und geben Ratschläge an Frauen, wie sie ihre Kinder großzuziehen und sich allgemein in der Gesellschaft zu benehmen haben. 

Im Mittelpunkt dieser künstlerischen Auseinandersetzung stehen die Erziehungsmethoden in der NS-Volksgemeinschaft. Die in der Arbeit versammelten Zitaten wurden aus Büchern und Zeitschriften aus den 1930er Jahren recherchiert, wie z.B. der NS-Frauenwarte und etlichen anderen Ratgebern, die von der NS-Propaganda unterstützt und richtungsweisend für die Erziehung im Nationalsozialismus waren.

Die Frage der Nachwirkung solcher Methoden nach 1945 bildet der Kern der Arbeit, am Beispiel Johanna Haarers Ratgeber zur Säuglingspflege Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. 1934 veröffentlicht, wurde das Buch zur Grundlage der „Mütterschulungskurse“ der NS-Führung. Bis in die 1970er Jahre hinein befand sich Haarers Buch in einer von nationalsozialistischer Propaganda bereinigten Fassung in fast jedem Haushalt der Bundesrepublik. 

Die Werke von Arnold Dreyblatt wurden in Galerien, Museen und öffentlichen Räumen zahlreich gezeigt und aufgeführt. Dauerhafte öffentliche Arbeiten sind im HL Holocaust Center in Oslo; dem Jüdischen Museum in Berlin, der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und der Gedenkstätte Ravensbrück zu sehen. Im Herbst 2020 wird das von ihn realisierte Denkmal zur Bücherverbrennung am Münchner Königsplatz eingeweiht. 

#8 „... ein kleines, aber bitteres Spiel...“ –Zitate in der Ausstellung

Beim Gang durch die Ausstellung werden die BesucherInnen hin und wieder auf Zitate stoßen. Vor kurzem DRUCKTE die Firma Wallpen diese Zitate auf einige Wände in den ehemaligen Aufseherinnen-Wohnräumen. Etwa die sehr präzise Beobachtung der französischen Ethnologin und Ravensbrück-Überlebenden Germaine Tillion, die miterlebte, wie erschreckend schnell neue Aufseherinnen ihr Mitgefühl vergessen hatten und sich an die im Lager herrschenden Unmenschlichkeit gewöhnten. Oder die Russin Lidia Leschinska, die sich an eine ganz bestimmte Aufseherin erinnerte, die nicht sehr gutherzig war, aber doch besser war als die anderen, weil sie nichtso brutal schlug wie die anderen. Über das Gewaltverhältnis zwischen den inhaftierten Frauen und den Aufseherinnen geben aber auch Täterinnen Auskunft, wie etwa die Oberaufseherin Maria Mandl, die an dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück „absolut nichts Schlechtes finden“ konnte.

Das Fragmentarische dieser Zitat-Collage erzeugt ein Resonanzraum, der als selbstständige Ausstellungsebene zum Grübeln, Assoziieren und Nachdenken einlädt.

„Die brutalsten Aufseherinnen galten als die bewährtesten bei der SS.“
Rosa Helena Vetter, 2003

„Die Aufgabe bestünde darin, den im Konzentrationslager befindlichen Frauen und Mädchen klar zu machen, dass sie eine falsche Einstellung zum Staat und zum Leben hätten, und sie zu bekehren zur aktiven Hilfe für Führer und Volk.“
Christel Wenzel, 1985

„Einige von uns machten sich ein kleines, aber bitteres Spiel daraus, die Zeit zu messen, die eine neue Aufseherin brauchte, ehe sie deren Brutalitätspegel erreicht hatte.“
Germaine Tillion, 1998

Detailansichten der Uniform im Depot der Gedenkstätte

#9 Original oder Fälschung?

Die Frage nach Original und Fälschung begleitet die Geschichte des Ausstellens seit jeher. Jenseits einer kriminalistischen Bewertung richtet sich diese Frage vor allem an den Betrachter und seine Wahrnehmung. Wo wird das Fake dem Original nicht gerecht, was ist unersetzbar? Gibt es eine eigene „Echtheit“ der Fälschung? Und was geschieht, wenn das Original und seine Fälschung ununterscheidbar sind?   

In der Ausstellung begegnen wir mit der Uniform einer SS-Helferin eben jener Frage. Die 2008 von einem Sammler angekaufte Uniform gibt Rätsel auf: ein eingenähtes Namensschild zeigt den Namen Jane Bernigau, Oberaufseherin im KZ Groß-Rosen. Doch im Unterschied zu den SS-Helferinnen war sie kein Mitglied der SS, daher nicht in einer Uniform mit SS-Insignien zu erwarten. Zusätzlich zeigt die Recherche unserer Restauratorin, dass das Namensschild erst nachträglich eingenäht wurde, womöglich um ein anderes Namensschild zu ersetzen. So könnte also ein Mangel an Uniformen die Übergabe der Uniform an Bernigau erklären – oder eben die Vermutung einer Fälschung erhärten.

Uniformen von Aufseherinnen und SS-Personal sind eine extreme Rarität. Viele wurden von ihren Trägern und Trägerinnen im Zuge der Strafverfolgung schnell und unwiederbringlich entsorgt. Für Militaria und vor allem für SS-Uniformen gibt es seither einen großen internationalen Absatzmarkt – und eine lukrative Nische für professionelle Fälscher.

Aufgrund der besonderen Lichtempfindlichkeit ist für die Ausstellung eine Reproduktion der Uniform angefertigt worden, die das Original vertritt. So kehren wir zurück zu der Ausgangsfrage nach dem Verhältnis von Original und Fälschung, und finden doch eine neue Situation: Brauchen wir „Echtheit“, um etwas Geschehens zu begreifen, um uns zu erinnern? 

#10 Dominique Hurth: Laufmasche und Webfehler

In ihrer dreiteiligen Intervention im Aufseherinnenhaus thematisiert Dominique Hurth die vermeintliche 'Gemütlichkeit' der Unterkünfte für das weibliche KZ-Personal und die brutale Dualität des Ortes, der Tatort und Wohnort zugleich war. 

Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung sind private Fotografien der Wohnungen, die Einsichten in Details der häuslichen Einrichtung geben. Gardinen, gepolsterte Eckbänke, Tischdecken, Kommode mit Glasfiguren, Kissen, Teppiche, und weitere Objekte, die eine behagliche Innendekoration suggerieren, wurden von der Künstlerin genauer betrachtet und zusammen mit einer Recherche in Frauenzeitschriften und Magazinen für Innendekoration der 1930er und früheren 1940er Jahre in einen erweiterten sozio-historischen Kontext gesetzt. 

Gemeinsam mit einer Textilgestalterin wurden mehrere Vorhänge mit beabsichtigten Webfehlern und Laufmaschen nachgewebt und rahmen bzw. versperren der Blick nach außen, der sich einerseits auf die idyllische Siedlung der Aufseherinnenhäuser, anderseits auf die Lagerstraße und das Lagertor richtet. Des Weiteren behandeln sechs Kollagen im Badezimmer die Alltags- und Hygienekultur von Frauen anhand des Motivs der Badewanne.  

Unweit davon befindet sich eine Installation, die – als Sitzgelegenheit maskiert – das traditionell weibliche Handwerk der Stickerei mit Fragmenten aus Irma Greses Gerichtsprotokollen aus den Bergen-Belsen Prozess (1945) verbindet.  

Die Installationen von Dominique Hurth wurden international in Museen und Galerien präsentiert, u.a. im Palais de Tokyo (Paris), Württembergischer Kunstverein (Stuttgart), Tiernanatomisches Theater (Berlin), Fundacio Tapies (Barcelona), Hamburger Bahnhof (Berlin), MAMO-Cité Radieuse (Marseille). 

Produktion der Stoffe (Webstuhl), Detail Webfehler, Bilder aus dem Aufbau im Aufseherinnenhaus im Juli 2020
Ohne Titel, Zeichnung von Simone Auburtin, undatiert Bleistift auf Papier Privatbesitz: Hubert Frouin und Marie-France Frouin-Balestat

#11 Die Zeichnung als (Beweis)Dokument. Wie Häftlinge Szenen der Gewalt festhielten

Der Blick der ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Ravensbrück auf die Aufseherinnen ist wichtiger Teil der Ausstellung. Das angefügte Beispiel zeigt eine Arbeit der Französin Simone Auburtin (1910-1958), die verschiedene Gewaltsituationen auf der Lagerstraße bzw. dem Appellplatz skizzierte: Im Vordergrund schaut eine Aufseherin Häftlingen nach, die mit geschulterten Spaten zur Arbeit ausrücken. Weiter oben schlagen zwei Aufseherinnen mit Riemen bzw. Peitschen auf eine Person ein, die bereits am Boden liegt.

Die Ausstellung zeigt Skizzen, die noch im Lager entstanden sind, wie auch Arbeiten, die aus der Erinnerung der Häftlinge heraus angefertigt wurden. Sie liefern Material zu nie dokumentierten Szenen der Gewalt, und geben gleichsam Auskunft über die Bedingungen ihrer Ausführung. So erinnert eine schnelle Strichführung oder der Hang zum Fragmentarischen an die Eile dieses verbotenen und gefährlichen Unterfangens. Aber auch die retrospektiv gefertigten Arbeiten lassen fragen, wie lange sich die Künstlerin in der erinnerten Gewaltsituation ein weiteres Mal aufhalten wollte oder konnte.

Es ist bekannt, wie Strafprozesse immer wieder an der Beweislage scheitern. Häftlingen wurde von Seiten des NS-Personals immer wieder die Unwahrheit vorgeworfen, Zeugenaussagen wurden teilweise mit höhnischem Lachen beantwortet. Eine Gegenaussage konnte bereits zur Straffreiheit verhelfen. So lassen sich die Zeichnung zur Zeit ihrer Entstehung auch als ein Versuch der Selbstvergewisserung verstehen, als Strategie des psychischen Überlebens angesichts des vermeintlich 'ungesehenen' Erlebten.

Eine Besonderheit fällt hier den Zeichnungen von Violette Lecoq zu, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden. Während der Hamburger Prozesse wurden diese tatsächlich als Beweismaterial hinzugezogen. 

#12 Im Gespräch mit Sabine Arend, Leiterin der Museologischen Dienste

© Historische Photographien: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
Diese dürfen ohne schriftliche Erlaubnis der Gedenkstätte nicht verwendet werden.

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#13 Der unsichtbare Chor. Einblicke in die Arbeit von Moritz Fehr

Der Künstler Moritz Fehr finalisiert derzeit für das Aufseherinnenhaus eine mehrteilige, ortsbezogene Soundinstallation mit dem Titel Der unsichtbare Chor.

Die Intervention untersucht, welche Rolle den verschiedenen Formen von Gesang im Lageralltag zukam. So wurde in Ravensbrück nicht nur heimlich und im Verborgenen gesungen, sondern auch unter Zwang und Androhung von Strafe. Gleichzeitig gab es bestimmte Lieder, deren Aufführung von den Aufseherinnen geduldet wurde. 

Der Titel Der unsichtbare Chor ist einem Brief von Ludmila Peškařová entliehen, den sie im Jahr 1965 verfasste. Darin beschreibt sie, wie sie sich 1945, kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers, einen „tausendstimmigen Chor“ vorstellt – zusammengesetzt aus den „unsichtbaren Frauen“ von Ravensbrück. Ludmila Peškařová schrieb während der Gefangenschaft viele Gedichte und Lieder, die sie zum Teil auch gemeinsam mit anderen Häftlingen aufführte.

Die für die Soundinstallation recherchierten Lieder wurden neu bearbeitet und mit einem Chor aufgenommen. Über die räumliche Anordnung der Lautsprechern werden verschiedene Bereiche des Aufseherinnen-Wohnhauses akustisch hervorgehoben. So lässt die Arbeit eine Beziehung zwischen den Liedern und dem historischen Ort entstehen.

Moritz Fehrs Arbeiten untersuchen Sound im Hinblick auf metaphorische Präsenz und räumliche Implikationen. Seine Projekte wurden international präsentiert und sind u.a. im Velaslavasay Panorama (Los Angeles) und als Teil von Continuous Drift (Dublin) permanent installiert und zugänglich. 
www.moritzfehr.de 

#14 Im Gespräch mit Dominique Hurth, künstlerische Leiterin der Interventionen

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#15 „Eine seidene Steppdecke“ – Interview mit der ehemaligen Aufseherin Frau T. (2004)

Margarete T. besuchte 1995 – fünf Jahre nach der Wiedervereinigung – die KZ Gedenkstätte Ravensbrück zum ersten Mal und gab sich dort als ehemalige Aufseherin zu erkennen. Sie erklärte sich bereit, über ihren damaligen Einsatz als Aufseherin zu sprechen und wurde seitdem mehrfach interviewt. Ihre Erinnerungen sind – nicht untypisch für KZ-Täterinnen und Mitwisserinnen – höchst ambivalent, wie der folgende Interviewausschnitt von 2004 zeigt: einerseits schwärmte sie für die gut ausgestatteten Wohnungen der Aufseherinnen, andererseits erzählte sie von einer „seidenen Steppdecke“ auf ihrem Bett, die deportierten französischen Juden geraubt worden war.

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#16 Die Aufseherin in der Populärkultur

Eine erstaunliche Vielzahl von Filmen, Comics und popkulturellen Artefakten widmet sich dem Thema der weiblichen KZ-Aufseherin. Doch die Vielzahl der Arbeiten schrumpft bei genauerer Betrachtung zu einem inflationären Klischee, das aus sexuellen Referenzen, Verweisen auf Lust und Sadismus, heimlichen Leidenschaften besteht – häufig in Anlehnung an die „Schöne Bestie“ Irma Grese, die diese bis heute prominente Bezeichnung während der britischen Strafprozesse erhielt. Das Abschlusskapitel der Ausstellung ist damit ebenso Einleitung in die Gegenwart der frei zirkulierenden Bilder – und ihren Abwegen.

Im Patriarchat gilt die Ausübung von Gewalt durch Frauen als ein Sonderfall, der vor allem dadurch heraussticht, dass er dem gängigen Machtgefüge widerspricht. Nicht von ungefähr war den Aufseherinnen das Tragen der SS-Insignien nicht erlaubt. Denn auch im Lager wurde der Unterschied zwischen den Geschlechtern ganz der damaligen Hierarchie entsprechend aufrecht gehalten.

In der Ausstellung konnten über Zeitzeugen, Interviews und weitere Dokumente viele Formen der Gewalt von Seiten der weiblichen Aufseherinnen dokumentiert werden. Es sind Gewaltszenen, die in ihrer vereinzelten Darstellung wohl immer auf ein großen Ganzes hinweisen. Sie untermauern „Karrierewege“, Machterhalt und nationalsozialistische Überzeugung, und werden von Frauen jeglicher sozialer Herkunft und allen Alters ausgeführt. Eine einheitliche „Figur“ der gewaltbereiten Aufseherin ergibt sich nicht. 

Umso wichtiger erscheint es, eben auch auf jene Figur hinzuweisen, die in ihrer erotischen Aufladung regelrecht stellvertretend für die weibliche NS-Täterschaft herangezogen wird. Problematisch ist diese Figur nicht nur, weil ihre misogyne Stereotypisierung weder für die Aufklärung der tatsächlichen Gewaltverbrechen im Lager, noch für ein Geschichtsverständnis über die NS-“Volksgemeinschaft“ dienlich ist. Sie veranschaulicht auch ein fortwährendes feministischen Problem. Ist eine Frau ohne erotische Merkmale ein uninteressanter Gegenstand für die NS-Forschung und unsere Form des Erinnerns? Aber auch, wie können wir diese Flut der Bilder auf das hin lesen lernen, was sie an anderem zeigt: Köper- und Bildpolitiken, die sich der NS-Geschichte als Bühne für ihr eigenes Fantasma bedienen, welches – wie „Fan-Pages“ auf Facebook und andere Quellen zeigen – zwischen der leidenschaftlichen Liebhaberin („Der Vorleser“) und dem erkalteten Biest bis heute kaum eine Alternative zulässt.  

Aufseherinnen-Figuren im Film: Details aus „Der Vorleser“ (2008), „Auschwitz – Out of the Ashes“ (2003), „Ilsa. She Wolf of the SS“ (1974), „Die Passagierin“ (1963)

#17 Einblicke in die Arbeit von Marianna Christofides

Marianna Christofides
μελέτες (Studien), 2020
Zwei-Kanal-16mm-Film-Installation in Zusammenarbeit mit Almut Kühne; Farbe und s/w, Sound
Textintervention
Farbfolie

In der Installation „μελέτες (Studien)“ unternimmt Marianna Christofides gemeinsam mit der Vokalistin Almut Kühne den Versuch einer Annäherung an das Phänomen der Aufseherinnen in Ravensbrück. Dies geschieht u.a. auf einem zu den Geschehnissen im Lager zeitgenössischen Material, 16 mm s/w ORWO-Film. ORiginal WOlfen ist die Nachfolgerfirma der Agfa-Werke in Bitterfeld-Wolfen, wo es ein KZ-Außenlager gab, welches bis 1944 Ravensbrück unterstand. So wird die Materialität des Mediums Teil von Filmherstellung, Zwangsarbeit, Massenvernichtung und des Anteils der Aufseherinnen daran.  

Auf den Filmen sind Bilder aus der Umgebung Ravensbrücks, dem Archiv der Gedenkstätte und Aufnahmen einer mehrtägigen Performance festgehalten, in denen sich die Durchlässigkeit im Zwischenraum von Alltäglichem und dessen inhärenter Potentialität des Schreckens zeigt. In der Erschütterung von festen Formen der Sprache als vermeintlich eindeutigem Bedeutungsträger, durch die Montage heterogener Konstellationen, Spiegelungen und Brechungen von Licht und Perspektive wird einer Stimmung der Instabilität und Widersprüchlichkeit nachgespürt. Die Intervention bewirkt so eine befremdende sensorische Erfahrung: In der Materialität von Stimme und Ort nimmt ein Netz von Kräften und Wirkungen vorübergehende Gestalt an.

Marianna Christofides arbeitet disziplin- und medienübergreifend mit Installationen, Film und Text. 2011 repräsentierte sie Zypern auf der Biennale in Venedig. Aktuell ist sie Stipendiatin des Berliner Förderprogramms „Künstlerische Forschung“ und Preisträgerin der innogy Stiftung VISIT 2020.

Still 01 μελέτες (Studien), Marianna Christofides / Almut Kühne, Produktionsbild (2020) 
Still 02 μελέτες (Studien), Marianna Christofides, Produktionsbild (2020)