Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Mahn‑ und Gedenkstätte Ravensbrück

Picasso

Pikaso Picasso, 1974
Glasierte und bemalte Keramik, 70 x 80 x 45 cm

Die im Jahre 1974 entstandene Figurengruppe Pikaso ist eine mehransichtige Plastik. Der titelgebende Künstler, Pablo Picasso, manifestiert sich in zweifacher Weise in der Arbeit: Zunächst zeigt die Vorderansicht den Künstler im Portrait, ergänzt um eine weibliche Figur, die wahrscheinlich seine langjährige Begleiterin Françoise Gilot darstellt. Beide halten sich in den Armen und scheinen kurz vor einer sinnlichen Berührung zu stehen. Pociłowska nimmt zweitens die Formensprache des Künstlers auf. Hier sind vor allem die klaren geometrischen Formen und die verzerrten Körperproportionen zu nennen, die in der Augenpartie am deutlichsten hervortritt. Die etwas zu groß wirkenden Ellipsenformen, in der sich Iris und Pupille durch kreisrunde Formen klar definieren lassen, sind ein typisches Bildelement in den Gemälden Picassos. Auffällig sind außerdem die Farbreste im Bereich der Haare und des Auges der weiblichen Figur. Diese zeigen, dass die gesamte Plastik farbig gefasst war, witterungsbedingt jedoch nurmehr zu erahnen ist.

Die raumgreifende plastische Ausarbeitung der Rückseite zeigt starke Hell-Dunkel-Kontraste und stellt sich damit der flächigen, reliefartigen Vorderseite entgegen. Aus dem Auge der Frauenfigur der Vorderseite formt Pociłowska in der Rückansicht eine Sonne. Die stilistische Auseinandersetzung mit Picasso ist hier noch deutlicher. Pociłowska scheint hier zentrale Bildelemente von berühmten, gar ikonischen Gemälden des Künstlers in die dreidimensionale Plastik übertragen zu haben. Die vermeintliche Unordnung, die durch die vielen verschiedenen geometrischen Formen erzeugt wird, kann beim genaueren Betrachten gelöst werden: Die untere, linke Ecke der Plastik zeigt einen nach links blickenden Pferdekopf, den es in Picassos Gemälde Guernica ebenfalls zu entdecken gibt. Des Weiteren sind zwei Gesichter zu sehen, die sich nicht mehr in dem innigen Moment, der auf der Vorderseite dargestellt wird, befinden. Das dargestellte Gesicht über dem Pferdekopf erscheint wie eine Reminiszenz an die LesDemoisselles d‘ Avignon, dem zweiten, ikonischen Bild des Künstlers.

Diese klare Bezugnahme auf einen zur Entstehungszeit der Plastik noch lebenden Künstler und dessen Formensprache ist  einmalig im Oeuvre der Künstlerin. Gleichzeitig werden hier zwei zentrale Punkte deutlich: die intensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst und Kunstgeschichte  sowie den Möglichkeiten der Mehransichtigkeit dreidimensionaler Artefakte.

Simon Bichler, Student der Kunstgeschichte