Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Mahn‑ und Gedenkstätte Ravensbrück

Miniaturen

Miniaturen, 1941 – 1945
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Miniaturen bilden den Anfang des bildhauerischen Schaffens von Zofia Pociłowska. Entstanden sind die nur wenige Zentimeter großen, sehr fragilen Schnitzereien aus Zahnbürstenstielen in den Jahren 1941 bis 1945, als Zofia Pociłowska im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert war. Trotz ihrer geringen Größe tragen die Miniaturen eine mehrdimensionale Bedeutung und sind wichtige Anhaltspunkte für die Erforschung des künstlerischen Lebens im KZ Ravensbrück.

Die künstlerische Betätigung galt – außerhalb der SS-Kunstwerkstätte – als strengstens verboten und konnte nur im Verborgenen ausgeführt werden. Wer entdeckt wurde, musste mit harten Strafmaßnahmen rechnen. Trotz der drohenden Gefahr halfen andere Häftlinge bei der Materialbeschaffung und übernahmen teilweise sogar die Lagerarbeiten der künstlerisch Aktiven. Die fertigen Objekte wurden oft verschenkt oder gegen Brot oder verschiedene Gefälligkeiten getauscht. Sie konnten nur dicht am Körper getragen oder versteckt an sicheren Orten aufbewahrt werden.

Kunst im Lager erfüllte vielerlei Funktionen: Sie war Teil der sozialen und religiösen Praxis, diente der Dokumentation des grausamen Lageralltags und fungierte als Medium der Alltagsbewältigung. Für die ehemalige Ravensbrück-Inhaftierte Urszula Wińska war das künstlerische Schaffen auch eine Form des Widerstandes. Ihr zufolge bezeichnete man jene künstlerischen Arbeiten, die heimlich in den SS-Werkstätten geschaffen wurden, als „kleine Sabotagen“. Zofia Pociłowska arbeitete in der Nähwerkstatt – ob sich ihre Miniaturen den „kleine Sabotagen“ zuordnen lassen, ist heute schwer zu sagen. Das künstlerische Arbeiten gab den Inhaftierten eine Möglichkeit, trotz systematischer Entwürdigung durch die SS sich immer wieder ihrer menschlichen Würde zu versichern. Urszula Wińska schreibt:

„Wenn es ein schöpferisches Schaffen gab und man die künstlerischen Werke empfinden konnte, [...] dann bedeutete es, dass die Ausführer des verbrecherischen Lagersystem es nicht vermochten, die Menschlichkeit zu unterdrücken.“[1]

Zofia Pociłowska hatte bis zur Ankunft im KZ Ravensbrück noch keinerlei Berührungen mit der Bildhauerei, fand unter den extremen Lagerbedingungen jedoch ihre Berufung zur bildenden Künstlerin. Die hier entstandenen Arbeiten stehen demnach im expliziten Zusammenhang mit dem Ort und der eigenen Erfahrung. Die wenigen von ihr erhaltenen Miniaturen zeigen vor allem religiöse Motive (Kreuze mit und ohne Jesusfigur, Mariendarstellungen). Aus konservatorischen Gründen können die Miniaturen nicht ausgestellt werden.

Hanna Freundenberger, Studentin der Kulturwissenschaften

 

[1] Wińska, Urszula, Zwyciężyły wartości. Wspomnienie z Ravensbrück (Die Werte siegten. Erinnerungen an Ravensbrück), Gdańsk 1985, S. 257 der deutschen Arbeitsübersetzung.