Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Presseinformationen

14/2018: Die Gedenkstätte Ravensbrück trauert um Menachem Kallus

21. März 2018

Nr.: 14/2018

Die Gedenkstätte Ravensbrück trauert um den KZ-Überlebenden Menachem Kallus, der am 15. März 2018 im Alter von 85 Jahren in Israel verstorben ist. „Mit seinen 2005 erschienenen Erinnerungen ‚Als Junge in Ravensbrück‘  hat Menachem Kallus uns ein Geschenk hinterlassen,“ sagte Gedenkstättenleiterin Dr. Insa Eschebach heute. „Die Welt der Konzentrationslager ist selten so hellsichtig und präzise aus der Perspektive eines Jungen beschrieben worden wie in diesem Buch. Menachem Kallus war ein engagierter und darüber hinaus auch überaus charmanter Zeitzeuge. Er wird uns fehlen“, sagte Eschebach.

 

Otto Kallus, der später den Namen Menachem annahm, wurde 1932 als Sohn eines ungarischen Vaters und einer niederländischen Mutter in Den Haag geboren. Nach der Besetzung der Niederlande durch die  Wehrmacht musste er auf eine jüdische Schule wechseln. 1942 wurde die ganze Familie verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Von dort kamen sie für einige Wochen in das KZ Herzogenbusch (Vught), dann wieder zurück nach Westerbork. Schließlich verschleppten die Nationalsozialisten Otto Kallus mit seiner Mutter, seinem jüngeren Bruder Rudi und seiner Schwester Emmie in das KZ Ravensbrück, wo er am 7. Februar 1944 als jüdischer Häftling registriert wurde.

 

Zusammen mit seinem Freund Doni Kraus wurde Otto Kallus im Oktober vom Frauenlager ins Männerlager Ravensbrück verlegt, in eine Baracke mit weiteren Kindern. Dort musste er unter anderem Latrinenlöcher und Waschanlagen reinigen und in der Schuhmacherei arbeiten. Als Zwölfjähriger verlegte die SS ihn am 3. März 1945 in das KZ Sachsenhausen, wo er für die Heinkel Flugzeugwerke arbeiten musste. Im April 1945 wurde er mit anderen auf einen Todesmarsch getrieben und in der Gegend um Schwerin befreit. Emmie und Rudi wurden im Rahmen der Rettungsaktion „Weiße Busse“ des Internationalen Roten Kreuzes nach Schweden evakuiert; ihre Mutter hat die Haft nicht überlebt.

 

Nach ihrer Rückkehr in die Niederlande reisten die Geschwister nach Israel, wo sie im Haus der Auschwitz-Überlebenden Leni und Leo in Beth Aliya aufwuchsen. Menachems Kinder wie auch seine Schwester Emmie und deren Kinder leben bis heute in Israel, der Bruder Rudi verstarb 2001 in Saarbrücken.

 

 

 

 

 

Jahrzehntelang konnte Menachem Kallus nicht über seine Erlebnisse sprechen und wollte nie wieder deutschen Boden betreten. Auf die anhaltenden Fragen seiner Enkel hin und auf Einladung des Internationalen Freundeskreises der Gedenkstätte Ravensbrück nahm er 2003 erstmals an einem Schülerprojekt in der Gedenkstätte Ravensbrück teil. Bereits 2001 hatte er begonnen, seine Erinnerungen aufzuzeichnen, die 2005 erschienen sind. Im Vorwort gibt er den Lesern mit: „Lest meine Geschichte. Ich hoffe, Ihr findet einige Antworten auf meine und eure Fragen nach dem menschlichen Wesen.“

 

2008 war er Ehrengast des saarländischen Landtages bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Die Gedenkstätte Ravensbrück besuchte er mehrfach, auch Schulen in Deutschland, um über seine Erfahrungen zu berichten.

 

 

Foto im Anhang: Menachem Kallus beim 70. Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte Ravensbrück, 2015 (Bildnachweis: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto: Kristina Strauß)

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