Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

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Ravensbrück Memorial Museum

Text unseres Gedenkdienstleistenden wurde Teil der Performance von "Sound in the Silence"

29. August 2019

Unser Gedenkdienstleistender Anton Spevak hat in der vorletzten Woche seines einjährigen Einsatzes in der Gedenkstätte Ravensbrück am »Sound in the Silence« teilgenommen und im Soundworkshop einen Text geschrieben, der Teil der Performance wurde:

»Ich weiß nicht wie es in der Gedenkstätte Ravensbrück in 30 Jahren aussehen wird.
Gibt es Virtual-Reality-Brillen für die Besucher*innen?
Gibt es Augmented-Reality-Apps für die Besucher*innen?
Gibt es noch Besucher*innen?
Wird Ravensbrück in Vergessenheit geraten sein?
Oder versunken im oberflächlichen-KZ Tourismus, weil niemand mehr in Sachsenhausen reinpasst?

Ich habe zwar persönlich, subjektiv das Gefühl, dass gerade in den vergangenen Jahren der Ausruf ›Never forget, Niemals vergessen!‹ wieder an Bedeutung gewinnt. Aber einerseits ist mir schmerzlich bewusst, dass diese Rufe, wenn überhaupt, dann wahrscheinlich nur in meiner linken Blase lauter werden. Und andererseits ist mir ebenso bewusst, dass es sich dabei in erster Linie um eine Reaktion auf die aktuelle, gegensätzliche, politische Entwicklung handelt.

Ich will ja optimistisch sein, aber es fällt mir schwer.
Ich will ja in mich gehen und einfach den Klängen, die dieser Ort mir bietet, lauschen, aber es fällt mir schwer.
Ich will ja versuchen die Ruhe, den Wind und die entfernten Bau Geräusche in einen Einklang mit der Vergangenheit dieses Ortes zu bringen, aber es fällt mir schwer.
Es ist mir nicht möglich.

Vor zwei Tagen sind wir als Gruppe über das ehemalige Häftlingslager gegangen und haben an diesem stillen, nahezu andachtsvollen Ort sonderbare Geräusche gemacht. Das Ziel war in Einklang mit uns selbst zu kommen und die Resonanz des Ortes zu erkunden.
Habe ich das für mich geschafft? Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher.
Ich weiß nur, dass mir zu anfangs das, was wir getan haben, die skurrilen Geräusche, die wir gemacht haben, ziemlich lächerlich vorkamen. In ihrer Schrillheit und Zufälligkeit fand ich die Art und Weise, in der sie die Stille dieses traurigen Ortes störten, unpassend. Es kam mir falsch und komisch und künstlich vor, an so einem Ort die Stille zu füllen, es kam mir unpassend vor ›sound in the silence‹ zu kreieren.
Aber dann hab ich nachgedacht. Dieser Ort war nie leise. Nicht als hier vor 1938 nur Natur und ein Badestrand waren, nicht zu Lagerzeiten, nicht zu Zeiten der Sowjets.
Und wenn man plötzlich aufhören würde zu gedenken, wenn man aufhören würde, diesen Ort in Stand zu halten, und die Natur den Ort zurückerobern würde wie im ehemaligen Siemenslager, wäre ebenfalls keine Stille.
Die Stille in der Gedenkstätte und der von der Stille ausgehende Pathos wird vom Menschen künstlich erzeugt und erhalten. Ich sage nicht, dass wir aufhören sollten, diesen Ort zu erhalten. Ich sage nicht, dass wir diesen Ort wie jeden anderen behandeln sollten. Nein, ganz im Gegenteil. Wir dürfen niemals vergessen, was geschehen ist.
Ich sage nur, dass es okay ist, ›sound in the silence‹ zu kreieren. Vielleicht von Zeit zu Zeit sogar nötig.«

»I do not know what it will look like in the Ravensbrück memorial in 30 Years.
Are there VR headsets for visitors?
Are there augmented reality apps for visitors?
Are there still any visitors?
Are u forgotten?
OR maybe overrun by the superficial concentration camp tourism because no one fits into Sachsenhausen anymore?
On the one hand, I have the feeling that, especially in the past few years, the exclamation ›never forget‹ is gaining importance again. But I am painfully aware that, on the other hand, it is probably only in my leftist bubble that’s giving me that impression. And I am painfully aware that this is nothing but a reaction to current political developments, one could say to social regression.
I want to be optimistic, but it’s hard for me.
I want to go into myself and just listen to the sounds that this place offers me, but it's hard for me.
I want to try to bring the calm, the wind and the distant construction sounds into harmony with the past of this place, but it is hard for me.
I can't do it.
Yesterday we went over the former camp site as a group and made strange noises. The goal was to come into harmony with ourselves and to explore the resonance of this place.
Did it work for me? I don't know. I'm not sure.
I just know that at first I felt that what we did, the funny noises we made, seemed quite ridiculous to me. In their awful shrillness and randomness, I found the way in which they disturbed the silence inappropriate. It seemed kind of wrong and unnatural to artificially create sound in that silent place.
But then I thought about it. This place was never quiet. Not before 1938 when there was nothing but nature and a beach, not during the time of the concentration camp, not when the soviets where here. And if the place were left to nature again, it would never be as quiet as it is now.
If you open your ears on the site of the former Siemens camp, it feels like a much more lively place. U can hear the wind, the insects and other animals. It’s reclaimed from nature and everything is ten times louder. There is no real silence.
The silence in the camp and the pathos emanating from silence are artificially generated and maintained by men. I'm not saying we should stop renovating the memorial sight. No, quite the opposite. We need it to show the world what happened. Never forget.
I just say it's okay to create ›sound in the silence‹. Maybe from time to time even necessary.«

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